Versorgungsforschung

Während die klinische Forschung nach Wirksamkeit von medizinischen Maßnahmen fragt, befasst sich die Versorgungsforschung mit der Praxis der Patientenversorgung. Sie fragt nach der sogenannten “letzten Meile”, wie also medizinische Versorgung beim Patienten ankommt. Gegenstände der Versorgungsforschung sind z.B. der Zugang, der Umfang und die Art der Versorgung in Abhängigkeit von der versorgenden Organisation. „Versorgungsforschung ist die wissenschaftliche Untersuchung der Versorgung von einzelnen und der Bevölkerung mit gesundheitsrelevanten Produkten und Dienstleistungen unter Alltagsbedingungen“ (Arbeitskreis Versorgungsforschung beim wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer 2004:2).

Die Versorgungsforschungsprojekte des OcuNet Verbunds kreisen um die Themenfelder intersektorale Versorgung, Anstellung in der ambulanten Medizin und Versorgungsbeitrag großer vertragsärztlicher Einrichtungen. Die wissenschaftliche Arbeit wird auf Basis eigener Erhebungen und Sekundärdatenanalysen umgesetzt.

Sektorenübergreifende Versorgung

Sektorenübergreifende Versorgung meint, dass ambulante Versorgung und Versorgung im Krankenhaus Hand in Hand gehen. Eine solche Verzahnung ist bei vor- und nachstationärer Behandlung, aber auch bei chronischen Erkrankungen wichtig. Es besteht bei allen Akteuren im Gesundheitswesen große Einigkeit, dass die intersektorale Verzahnung im deutschen Gesundheitswesen nicht ausreicht. Tatsächlich existiert ein bunter Strauß an sektorenübergreifenden Versorgungsinstrumenten, was jedoch in der von Übertreibungen, Fragmentierung und Aktivismus geprägten Diskussion oft unzureichend gewürdigt wird. Ziel der Arbeiten des OcuNet Verbunds ist es, die Diskussion zu versachlichen, erfolgreichen Modellen der intersektoralen Versorgung Sichtbarkeit zu geben und Lösungsansätze zu prüfen und einzubringen.

Ambulante Zentren als Schrittmacher sektorenübergreifender Versorgung

Die im OcuNet Verbund zusammengeschlossenen großen augenmedizinischen Einrichtungen realisieren die sektorenübergreifende Versorgung auf verschiedenen Wegen. Das zeigt eine Erhebung, die zusammen mit dem Institut für angewandte Versorgungsforschung GmbH (inav) unter Leitung des Gesundheitsökonomen Prof. Amelung durchgeführt wurde. Besonders häufig ist das Belegarztwesen. Die Ärzte des Zentrums versorgen ihre Patienten sowohl ambulant als auch im Krankenhaus und stellen so die Kontinuität der Behandlung sicher.

Zahlreiche Zentren nutzen darüber hinaus das sogenannte Shop-in-Shop Modell der Intersektoralen Facharztzentren. Die Zentren haben einige oder alle eigenen ambulanten Standorte auf dem Gelände des Krankenhauses angesiedelt. Das sorgt nicht nur für kurze Wege, in der Patientenversorgung können bei Bedarf auch Ärzte anderer Fachgruppen hinzugezogen werden.

Nutzen des professionellen Belegarztwesens

In der Augenheilkunde ist das Belegarztwesen eine langjährig etablierte und funktionierende Form der sektorenübergreifenden Versorgung. Zahlreiche dem OcuNet Verbund angeschlossenen Zentren sind Belegärzte an einem oder mehreren Krankenhäusern. In der Augenheilkunde, stärker aber noch in anderen Fachgruppen, verliert das Belegarztwesen weitgehend unbemerkt an Versorgungsrelevanz. Ein Grund dafür ist, dass Belegärzte für die Versorgung ihrer Patienten sowohl im Sektor Krankenhaus als auch im Sektor vertragsärztliche Versorgung unterwegs sind. Für die Vertreter der beiden großen Blöcke ist das Belegarztwesen jedoch nur ein Randthema. Anliegen des OcuNet Verbunds ist es, den Fokus auf das Belegarztwesen zu richten. Dabei werden sowohl der Status quo als auch die spezifischen Herausforderungen und Lösungsansätze vorgestellt und diskutiert. Vor- und Nachteile des Belegarztwesens

Auf Basis von Sekundärdatenquellen (Statistisches Bundesamt und Institut für Entgeltsysteme im Krankenhaus) und Literaturreviews wird die Entwicklung der Fall-, Betten- und Arztzahlen in der Augenheilkunde bzw. von anderen Fächern mit Fokus auf belegärztliche Versorgung nachgezeichnet.

  • Hahn U, Neumann A, Mussinghoff P, Schmickler S: Fall-, Betten- und Arztzahlen in Haupt- und Belegabteilungen seit 2005 – Entwicklung und Einflussfaktoren für Entwicklung des Belegarztwesens. Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement. 2016 Jan;21(1):30-39.
  • Hahn U, Neuhann Th, Mehnert D, Ober M, Neuhann I, Schmickler S: Fallzahlen und Erlöse in ophthalmologischen Haupt- und Belegabteilungen seit 2015. Der Ophthalmologe. 2015;112(7):589-598.

Blick der versorgenden Akteure auf das Belegarztwesen

In einer qualitativen Untersuchung wurden Expertengespräche mit Belegärzten der Augenheilkunde und Klinikleitern durchgeführt, Ziele waren, die Sicht der Akteure auf das Belegarztwesen zu untersuchen und Faktoren herauszuarbeiten, die die Versorgungsschiene fördern bzw. eine rückläufige Tendenz erklären zu können. Zentrale Ergebnisse der Untersuchung sind das große Potenzial, das dem Belegarztwesen für die qualitative medizinische und wirtschaftlich effiziente Versorgung von Patienten zugesprochen wird sowie die Existenz primär ordnungspolitischer und organisatorischer Hürden.

Finanzen und intersektorale Versorgung

Eine Hochrechnung auf Basis öffentlich zugänglicher Datenquellen zu Preis- und Mengengerüsten in der stationären und belegärztlichen Versorgung zeigt, dass das Belegarztwesen im Vergleich zur herkömmlichen Versorgung in Hauptabteilungen die kostengünstigere Versorgungsform ist. Vertragsärztliche Einrichtungen, die auch belegärztlich versorgen, versorgen eher ambulant als stationär.

Ob und wie der Einheitliche Bewertungsmaßstab, die für die vertragsärztliche Versorgung maßgebliche Gebührenordnung, einen Beitrag zu einer stärkeren Verzahnung von Versorgungssektoren leisten kann, war Gegenstand einer weiteren Analyse. Richtung und Ausmaß der Effekte der Anreizmechanismen im EBM wurden überprüft und diskutiert.

Ambulante Angebotsstrukturen im Wandel

In der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung findet die weit überwiegende Zahl aller medizinischen Behandlungen statt. Die große quantitative Bedeutung der vertragsärztlichen Versorgung steht im Kontrast zu der geringen systematischen Auseinandersetzung mit den die Versorgung leistenden Organisationen (im folgenden Angebotsstrukturen). Die Idee steht zwar im Raum, dass in Abhängigkeit von der Aufstellung der Organisation (also z.B. Anzahl Ärzte in einer Praxis, Berufsausübungsgemeinschaft oder einem Medizinischen Versorgungszentrum) der Zugang und die Art der Versorgung (z.B. bezogen auf Präsenzzeiten, Spezialisierung, Qualität, interdisziplinäre Versorgung, mittelbare Versorgungsfunktionen wie Weiterbildung oder Fortbildung) Unterschiede aufweisen. Die Auseinandersetzung mit ambulanten Angebotsstrukturen und eventuellen Wechselwirkungen mit dem Versorgungsgeschehen stehen noch sehr am Anfang.

Die ambulante vertragsärztliche Versorgung wird vielfach noch im Sinne von “Der Arzt in seiner Praxis” wahrgenommen, dieses Bild entspricht schon lange nicht mehr der Realität der Angebotsstrukturen. Die Zentren des OcuNet Verbunds stehen für eine relativ neue Form an vertragsärztlicher Versorgungsorganisation: Es handelt sich um nach Arzt-, Standort- und Fallzahlen große Einrichtungen, die über die Bandbreite des Faches versorgen.

Ein Ziel der Versorgungsforschung des OcuNet Verbunds ist es, mögliche Determinanten des Wandels der ambulanten Angebotsstrukturen zu identifizieren, die Entwicklung des ambulanten Versorgungsgeschehens in der vertragsärztlichen Versorgung und der Versorgung in Krankenhäusern zu analysieren sowie Wechselwirkungen zwischen Aufstellung der Versorgungsorganisation und Versorgungsgeschehen herauszuarbeiten.

Wandel in der Ärzteschaft

Der Anteil angestellter Ärzte und von Fachärzten in der ambulanten Versorgung nimmt stetig zu. Die Entwicklung und damit einhergehende Herausforderungen nach Fächern waren Gegenstand einer Analyse auf Basis von Sekundärdaten verschiedener Quellen.

Versorgung im ländlichen Raum

Die Versorgung des ländlichen Raums ist eine wichtige Herausforderung, es fehlen jedoch Daten dazu, wie sich vertragsärztliche Praxen und Organisationen auf städtische bzw. ländliche Regionen verteilen. Um zu zeigen, welchen Beitrag die im OcuNet Verbund organisierten Intersektoralen Facharztzentren dazu leisten, wurden in 2 Vollerhebungen (per ultimo 2016 und per ultimo 2019) die Standorte aller Zentren und ihr jeweiliges Leistungsspektrum erfasst. In Anlehnung an die Regionstypen nach Bedarfsplanungsrichtlinie wurden die postalischen eher städtischen und stadtnahen Räumen bzw. eher ländlichen Regionen zugeordnet. Dabei zeigt sich, dass rund 50 % der Standorte aller Zentren eher in ländlichen Regionen angesiedelt sind. Die Analyse bildet natürlich nur einen Ausschnitt der vertragsärztlichen Versorgung ab, sie belegt aber auch, dass größere vertragsärztliche in ganz erheblichem Maß auch Patienten in ländlichen Regionen umfassend versorgen.

Ambulante Versorgung in vertragsärztlichen Organisationen und Krankenhäusern

Ambulante Versorgung findet sowohl in der vertragsärztlichen Versorgung als auch durch Krankenhäuser statt. Auf Basis der Daten der bundesweiten Qualitätsberichte 2017 haben wir bei der Analyse des ambulanten Versorgungsgeschehens an Krankenhäusern nach Fallzahlen, Häufigkeiten von Ambulanzarten und Einzelambulanzen der Krankenhäuser mitgewirkt. Ein Ergebnis daraus: Auf die Krankenhäuser entfielen in 2017 demnach fast 8 % der Arztkontakte in der ambulanten fachärztlichen Versorgung bzw. fast 5 % der gesamten ambulanten Versorgung.